Barrierefreies Internet – immer noch ein Traum?

Blinde Menschen

In dieser Woche war ich auf einer sehr interessanten Veranstaltung in Berlin mit dem Titel „Bürgerbeteiligung online – barrierefrei erfolgreich“. Es ging dabei um zwei Dinge: Bürgerbeteiligung über das Internet und Barrierefreiheit. Bezeichnend für den Stand der Diskussion in Deutschland war eine Anmerkung von Gitta Lampersbach, Ministerialdirektorin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Sie freute sich besonders, bei der Veranstaltung neben den altbekannten auch einige neue Gesichter zu sehen. Das deutet doch sehr stark darauf hin, dass es noch ein kleiner Club von Menschen ist, die sich für das Thema barrierefreies Internet stark machen.

Dies mag verwundern, denn schließlich gibt es im Bund bereits seit 2002 und in Nordrhein-Westfalen seit 2004 eine Verordnung, die die Barrierefreiheit von Internetseiten der Behörden verbindlich fordert.

Dennoch gibt es noch viele offene Baustellen. Das hat die Veranstaltung auch sehr deutlich gezeigt. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

Wissenslücken

Auf Wissenslücken dürfte man heute jedoch nicht mehr verweisen dürfen. Schließlich gibt es viele Internetseiten, auf denen man sich über das Thema Barrierefreiheit informieren kann. Nur drei Beispiele:

http://www.einfach-fuer-alle.de,

http://www.barrierekompass.de,

http://www.barrierefreies-webdesign.de.

Es gibt natürlich auch Bücher zu dem Thema.  Vor kurzem erst wurde ein Buch veröffentlicht, das ein neues Standardwerk werden könnte: „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen: Webstandards für ein zugängliches und nutzbares Internet“ von Jan Eric Hellbusch und Kerstin Probiesch.

Aufwand

Häufig wird behauptet, Barrierefreiheit erhöhe den Aufwand. In Berlin wurde zu Recht mehrfach betont, dass dies nicht verallgemeinert werden kann. Wenn man Barrierefreiheit von Anfang an mitdenkt, ist Mehraufwand zu vermeiden oder sehr klein zu halten. Allerdings muss man dies genauer betrachten. In technischer Sicht ist das sicherlich richtig. Aber bei der Pflege eines Internetangebotes sorgt eine barrierefreie Umsetzung auf jeden Fall für mehr Arbeit.

So müssen auch wir Dinge tun, die wir früher nicht gemacht haben. Hierzu einige Beispiele:

  • Bilder müssen mit Alternativtexten versehen werden, damit sich blinde Menschen mit geeigneter Software diese Texte vorlesen lassen können. Nur so erhalten sie die Informationen, die sehende Menschen durch das Bild vermittelt bekommen. Auf www.moers.de sind mehrere 1.000 Bilder so bearbeitet worden. Wer eine kleine Vorstellung davon bekommen möchte, wie schwierig es sein kann, einen passenden Alternativtext für ein Bild zu finden, kann sich gerne das Alternativtext-Experiment von Angie Radtke anschauen
  • Jeder Abkürzung in einem Text muss das ausgeschriebene Wort oder der Begriff zugeordnet werden. Dies dient unter anderem der besseren Verständlichkeit. Nicht alle Menschen wissen, was mit der einen oder anderen Abkürzung gemeint ist. In erster Linie vermeiden wir Abkürzungen, aber manchmal ist das nicht möglich. Ein Beispiel findet sich im nächsten Absatz: PDF-Dateien. Wenn man mit der Computer-Maus über die Buchstaben PDF fährt, wird ein kleines Kästchen angezeigt. In diesem Kästchen steht die Abkürzung ausgeschrieben: „Portable Document Format“. Hier zeigt sich gleich eines der vielen Probleme der Barrierefreiheit. Denn diese englischsprachige Erläuterung der Abkürzung wird vielen Menschen auch nicht richtig weiterhelfen.
  • Oft werden für weitergehende Informationen PDF-Dateien zum Herunterladen angeboten. Jede dieser PDF-Dateien muss mit recht viel Aufwand erst einmal barrierefrei gemacht werden. Nur so können sich blinde Menschen mit einer besonderen Software diese Dateien richtig vorlesen lassen. Auf www.moers.de bieten wir tausende PDF-Dateien an.

Mangelnde Einsicht

Blinde Menschen

Videos, in denen gesprochenes Wort vorkommt,
werden mit Untertiteln versehen. So können
auch gehörlose Menschen den Inhalt erfassen

Oft hört man von Verantwortlichen: „Es kommen – wenn überhaupt – doch nur ganz wenige Menschen mit Behinderungen auf unsere Internetseite. Da lohnt sich der Aufwand doch nicht“.

Hier wird jedoch einerseits übersehen, dass die Barrierefreiheit gesetzlich gefordert ist und es eine Vielzahl von Menschen gibt, denen eine barrierefrei gestaltete Internetseite hilft. Viel wichtiger aber ist, dass jeder einzelne Mensch Anspruch darauf hat, Zugang zu den Informationen einer Behörde über das Internet zu erhalten. Dies ist von besonderer Bedeutung, wenn es um Beteiligungsangebote geht. So wurde in der Veranstaltung noch einmal besonders betont: Jeder Mensch soll an demokratischen Verfahren teilnehmen können. Dies gilt für Foren, für Online-Petitionen und viele andere Dinge mehr.

Ihr Beitrag

Die Stadt Moers bemüht sich aus fester Überzeugung bereits seit Jahren um ein barrierefreies Internetangebot. Das wird nie vollständig gelingen, aber wir sind gemeinsam mit unseren Partnern (Kommunales Rechenzentrum Niederrhein und die Agentur anatom5) auf einem guten Weg.

Aber auch Sie können einen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. Wie? Schreiben Sie Ihre Beiträge hier im Blog oder in unserem Forum in einer möglichst verständlichen Sprache. Tipps hierzu haben wir auf unserer Seite „Ihr Beitrag zu Barrierefreiheit zusammengestellt.  Auf diese Seite verweisen wir auch auf der Startseite unseres Forums und vor dem Kommentarfeld hier im Blog. In Berlin wurde dies lobend und als nachahmenswert erwähnt. Darüber habe ich mich natürlich sehr gefreut.

Durch einfache Sprache können auch Menschen mit geistigen Behinderungen oder Lernstörungen der Diskussion besser folgen. Aber klar ist auch: Alle Leserinnen und Leser werden sich über einen verständlich geschriebenen Text freuen!

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Schön wäre es, wenn Sie Ihre Beiträge so gestalten, dass auch die Interessen behinderter Menschen berücksichtigt werden. Wie dies geht, sagen wir Ihnen auf unserer Seite "Ihr Beitrag zur Barrierefreiheit".

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